Fahrbericht Golf VI GTI | Nutella lässt grüßen

Veröffentlicht: Januar 27, 2011 in cars
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In den USA war es schon länger ein Trend: muskulöse Alltagsautos für bezahlbares Geld. Der bekannteste dieser Gattung ist wohl der Ford Mustang. Es sollte zwölf Jahre dauern, bis Volkswagen 1976 die europäische Antwort in Form des 800 Kilo leichten und 110 PS starken Golf I GTI präsentierte. Frech, kantig und bezahlbar: ein neuer Kult war geboren – und mit ihm ein Bestseller. Bis heute wurden weltweit über 1,7 Millionen GTI verkauft und ein Ende ist nicht in Sicht.

Es gibt Synonyme, die sind gleichbedeutend für eine ganze Produktlinie. Ein Taschentuch ist ein Tempo, Nutella ist gleichbedeutend für jede Nuss Nougat Creme und ein Jeep ist ein echter Geländewagen. So auch beim GTI. Doch wie bei all diesen Produkten, ist es immer das Original, das besonders hervorsticht. Der Kult Golf GTI fährt in seiner mittlerweile sechsten Generation vor. Zwar 500 Kilo schwerer aber auch 100 PS stärker als das Original. Ein Musterknabe wie aus dem Bilderbuch? Schauen wir mal.

Weg vom Biedergolf – ein GTI muss auffallen

Um dem Biederimage des Otto Normal Golf entgegenzuwirken, wurden einige optische Korrekturen betrieben. Schließlich soll man einen GTI nicht nur spüren, nein er muss auch mit einer unverkennbaren Kriegsbemalung antreten. Der rotgefasste Kühlergrill in Wabenstruktur mitsamt GTI Logo und die tiefgezogene aggressive Frontschürze lassen den Kult-Golf bulliger wirken. Und wenn ein Linksspurblocker sich dann mal zur Seite bequemt, darf er dann auch noch einen kurzen Blick auf den Hintern des Renn-Golfs mit großzügigem Dachspoiler, verdunkelten Rückleuchten, Diffusor an der Heckschürze und der verchromten zweiflutigen Abgasanlage werfen. Im Grunde genommen eher dezente Kosmetik, aber es reicht um diesen Golf eindeutig als GTI wahrzunehmen.

Auch im erwartungsgemäß top verarbeiteten Innenraum warten einige Gimmicks, wie etwa ein unten abgeflachtes Sportlederlenkrad mit roten Ziernähten und rutschfesten Alu Pedalen. Im Fond lässt es sich als großer Mensch jenseits der 1,80 erstaunlich gut aushalten. 350 Liter Kofferraumvolumen lassen genug Platz für längere Reisen. Zudem lässt er sich, dank der getrennt umklappbaren Rückbank, auf 1305 Liter erweitern. Und um den Kult zu bewahren, geht die Empfehlung dieses eine Mal nicht in Richtung der optionalen Lederausstattung. Nein! Wer einen echten GTI haben will, der muss sich auch die bequemen Sportsitze mit Stoffüberzug und dem kultigen Schottenkaro-Muster bestellen. Das ist Pflicht und da hilft auch kein diskutieren. Punkt! Aus! Ende!

Volle Fahrt voraus – Kraft ohne Ende

Unter der Haube pocht ein drehfreudiges Zwei-Liter Reihen Vierzylinder Aggregat mit Turbo. 210 Pferde (155 kW) werden direkt auf die Vorderachse gehievt und mit einem Drehmoment von bis zu 280 Nm vorangeschoben. Dabei spurtet er in respektablen 6,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Ab 200 wird’s zäh- bei 238 km/h endet der Vortrieb. Interessanter wird es in Sachen Elastizität bei Zwischenspurts und Überholmanövern. Hier steht dem GTI immer genug Saft zur Verfügung.

Eine besondere Überraschung war der Durst des GTI: schluckte der freche Wolfsburger trotz durchaus dynamischer Touren im Schnitt gerade mal 6-7 Liter. Wer es auf der Landstraße ruhig angehen lässt, hat mit etwas Geduld sogar eine 5 vor dem Komma stehen. Fantastisch, bedenkt man wie viel Power hier unter der Haube steckt. Nach knapp zweitausend Kilometern verbrauchte der GTI am Ende gerade mal 8 Liter auf 100 km. Gleichwertige Konkurrenten schaffen bei sportlicher Fahrweise kaum einen Verbrauch unter 10 -12 Litern.

Ökologisch pfeffern – DSG sei Dank

Dafür verantwortlich ist neben dem sparsamen Motor das exzellente 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe – kurz DSG. Es sorgt für ein ruckfreies Fahren und wählt im D-Modus blitzschnell den optimalen Gang, um spritschonend voran zu kommen. Dennoch trödelt er nicht vor sich hin, sondern hat immer noch ausreichend Reserven um flott in die Hufe zu kommen. Der Nachteil am DSG Getriebe allgemein ist allerdings das recht emotionslose Voranschreiten. Einmal angefahren fühlt sich der GTI an, als würde er wie von einem Gummiband gezogen. Da kann noch so viel Drehmoment hinter sein- es fehlt einfach was.

Bewegt man den Schalthebel in Richtung S spannt der Wolfsburger seine Muskeln an, hält munter die Drehzahl im optimalen Spurtbereich und die Gasannahme wird deutlich aggressiver umgesetzt. Auch der Sound kann sich dabei für einen Vierzylinder durchaus hören lassen. Ein gelungener Switch vom Stadtflitzer zum Kurvenkratzer. Alles andere wäre aber auch mehr als verwunderlich, denn er ist schließlich das Nutella unter den Hot-Hatches, den hochmotorisierten Kompakten. Egal wer kommt, gemessen wird sich zuerst immer am berühmten Golf GTI.

Frontkratzkiller XDS – interessante Lösung

Wo wir schon beim Kratzen sind. Ein Drehmoment von 280 Nm auf der Vorderachse, ist nicht unbedingt die besten Vorrausetzung für einen optimalen Sprint. Die Wolfsburger haben sich dem Problem angenommen und simulieren dem GTI mittels raffinierter Elektronik (XDS) ein mechanisches Sperrdifferential vor.

Das soll in der Theorie dazu führen, dass hektische Lenkeinflüsse, die zum Beispiel beim Beschleunigen passieren können, eliminiert werden. Und auch in der Praxis funktioniert dieses Prinzip gut. Beim starken beschleunigen aus dem Stand ist nur ein leichtes Zerren zu bemerken. Zackig gefahrene Kurven werden dank zielgenauer Lenkung sauber verarbeitet ohne dass es gleich zum gefürchteten Schieben über die Front kommt. Erst bei härterer Gangart werden die Vorderreifen zum quälenden Aufschreien genötigt. Insgesamt bleibt der 1,4 Tonnen schwere Wolfsburger sehr neutral und ausgewogen und bereitet dem Fahrer -auch dank der gut dosierbaren Bremsen, viel Vergnügen.

Einzig bei schlechten Wetterverhältnissen und flottem Gasfuß wird einem der Antrieb wieder bewusst gemacht. Darüber hinaus steht dem GTI optional die adaptive Fahrwerksregelung DCC zur Verfügung. Sie reagiert permanent auf die Fahrbahnsituation und modifiziert dementsprechend die Dämpferkennung.

So wird die Dämpfung innerhalb von Sekundenbruchteilen verhärtet und verhindert somit störende Nick- und Wankbewegungen, um die fahrdynamischen Erfordernisse optimal zu erfüllen. Ebenso lässt sich das grundsätzliche Fahrverhalten durch die Modi „Sport“ und „Comfort“ individualisieren. Im Modus „Sport“ wird dabei auch die Servolenkung an die dynamischere Abstimmung angepasst. Warum der GTI nach wie vor nicht optional mit Allrad geordert werden darf, bleibt bisher unbeantwortet.

Fazit: Dieser Volkswagen hat ihn noch, den Funken an Fahrfreude. Der GTI ist ein kompakter Sportwagen mit exzellenten Reisequalitäten, in dem sich jeder wohl fühlen wird, denn es ist einfach das Original. Ein echter Gran Turismo also. Den Charme des 1er Golf GTI erreicht die neuste Generation nicht mal ansatzweise, dafür ist er fast zu perfekt geworden. Aber einen gewissen Spieltrieb hat man ihm gelassen. Das ist für VW Verhältnisse schon etwas Besonderes, schließlich leiden die meisten anderen Modelle in Sachen Spaßentfaltung unter permanenten Dauerfrost.

Zwischendurch sah es fast so aus, als könnte der R32 in der vierten und fünften Golfgeneration dem GTI den Rang ablaufen, doch mit dem Einstellen des spaßigen Sechszylinders wurde dem (leider) ein jähes Ende gesetzt. Somit ist der neue R zwar immer noch ein tolles Gerät aber der Emotionshahn wurde ihm deutlich abgewürgt. Es bleibt der Golf GTI als derzeit einziger Rebell im VW Lager. Er hat es sich aber auch redlich verdient.

Datenblatt Golf GTI VI

Hubraum: 1.984 cm³ | Leistung: 155 kw (210 PS) bei 5.300 U/min | Drehmoment: 280 Nm bei 1.700 U/min | Gewicht: 1.414 | Vmax: 238 km/h | Beschleunigung 0- 100 km/h in 6,9 s | Co2 Emission g/km: 173 g | Durchschnittsverbrauch: 7,3 l/100 km | Preis: ab 28.525 EUR inkl. MwSt.

credits

text: Mario-Roman Lambrecht
photos: Mario-Roman Lambrecht

 

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